Aus grünem Füllhorn

2. Februar 2016

Von weitem verlassene Pfähle,
die gleichgültig auf den Einsatz warten.
Näher gesehn, wenn ich recht zähle,
neun Reiher im Kreis, zum Zeitvertreib
auf einem blassen Winterfeld.

Im nachhinein sah’s unterm Himmelszelt
so aus, als wär es eine Konferenz,
wo alle mit denselben Karten
und ohne wirklich durchzudrehen
sich um eine Lösung bemühten.

Was wohl das Thema der Sitzung war?
Soll nämlich das Männchen oder das Weib-
chen künftig die Eier erbrüten?
Da beide es tun, war’s keinem mehr klar
und jeder blieb unbeweglich stehen
wie eine graue Eminenz –

 

Aus grünem Füllhorn
Lyrik und Prosa zu Jagd und Natur (Anthologie)
Dichterkreis Jagdlyrik im BJV
Jubiläums-Ausgabe 2017 (Dezember 2016)

 

Räude

Gestern sah ich auf der Fahrt
nach Hause zu später Zeit
einen Fuchs, der’s hinter
einer Scheune unheimlich schwer
hatte, ich war wirklich ganz
erstaunt und ziemlich verwirrt:

Er hatte keine Lunte mehr,
nur einen Rattenschwanz,
er humpelte vor sich hin
und sah wie ein Knäuel rauer
Wolle aus oder wie ein Mann
mit einem Dreitagebart.

Auf einmal war er kein schlauer
Fuchs mehr und kein Hühnertyrann,
nur ein Häufchen Elend schlechthin,
es tat mir weh, er tat mir Leid.
Ob er diesen Winter
noch überleben wird?

Aus grünem Füllhorn
Lyrik und Prosa zu Jagd und Natur (Anthologie)
Dichterkreis Jagdlyrik im BJV
Jubiläums-Ausgabe 2017 (Dezember 2016)

Von der Kanzel aus

Die Ricke kam gerade auf uns zu
nach Äsung suchend langsam und vertraut,
sie sicherte auch in der Abendruh,
nahm eine Blüte hier und dort ein Kraut.

Sie äugte dann und wann in unsre Rich-
tung, einmal längere Sekunden,
dann zog sie, was für uns bedauerlich
war, ins Gebüsch und war verschwunden.

Nach einer Viertelstunde kam sie aus
dem Wald heraus und äugte immer nur
zu uns herüber, wie zu einem Haus,
von dem Bedrohung kam für die Natur.

Doch plötzlich fing sie an zu schrecken
und flüchtete, sie bellte wie ein Hund
ein paar Mal in den dichten Hecken,
dann immer weiter, fern im Hintergrund.

Wahrscheinlich hatten wir uns falsch bewegt,
vielleicht hat’s ebenfalls im Baum geknackt,
auf jeden Fall, wie man zu sagen pflegt,
war sie vergrämt, uns hatte auch an Takt

gefehlt, obwohl es für die Ricken
noch Schonzeit war. So war ihr Schmälen
doch nicht bereit, schnell zu ersticken.
Ein Grund, es Ihnen zu erzählen –

 

Aus grünem Füllhorn
Lyrik und Prosa zu Jagd und Natur (Anthologie)
Dichterkreis Jagdlyrik im BJV
Jubiläums-Ausgabe 2017 (Dezember 2016)

Schnappschuss

Urige Mähne, dunkle Decke,
großer Schneefleck auf der Flanke,
als Waffe auf dem Haupt
auf beiden Seiten eine Schnecke:

Ein starker Muffelwidder steht
vor einem kleinen finsteren Tann
auf seinem Äsungsplatz allein
(das Rudel wird woanders sein).

Er weidet Gras ab und sichert dann
und wann für einige Sekunden,
bevor er langsam zu Holze zieht,
wie ein letzter Tagesgedanke,
der vor der kommenden Nachtruh flieht.

Nun ist der Sonnenschein verstaubt,
ein frischer Luftzug weht
in den neuen Abendstunden –

 

Aus grünem Füllhorn
Lyrik und Prosa zu Jagd und Natur (Anthologie)
Dichterkreis Jagdlyrik im BJV
Jubiläums-Ausgabe 2017 (Dezember 2016)