Non classé

Mittagssonne

Ein Stück Rehwild verlässt vertraut​
die Dickung wie ein Mensch sein Haus,​
es tritt zur Äsung aus,​
nimmt hier ein Blatt und dort ein Kraut​
und trollt zur nächsten Wiese,​
die nicht gemäht ist. Wie so oft​
ist’s heute auch von Anbeginn​
ohne irgendeinen Begleiter.​

Es muss ein junger Rehbock sein,​
er wirft nur selten auf, verhofft​
nicht lange, zieht dann weiter​
an der Tanne vorbei, lässt diese​
stehen und wechselt langsam in​
den Tageseinstand ein –​

Die kleine Fähe. Ein Porträt

Für Hans

Auf etwas in der Ferne
hat sie die Seher gerichtet,
also äugt sie sozusagen
in die Zukunft. Die Gehöre
sind spitz und die Nase neigt
nach vorn, sie windet –

Was sie am Anfang ihres Lebens,
wahrscheinlich unter einer Föhre,
wohl jetzt empfindet?
Ob sie sich schon verpflichtet
fühlt und weiß, was niemals vergebens
sein wird, wenn der Nebel steigt?
Ahnt sie bereits die Macht der Sterne
sowie dann des Jägers Fragen?

Dichterkreis Jagdlyrik im BJV, Ausgabe 2012

Am Waldesrand

Wie gerupft erscheint die Wiese,
verwaschen dort, wo sie viel bunter
war und einen frischen Glanz besaß.
Zwischen den hellgrauen Flecken
alten Schnees und vergilbtem Gras
tritt ein Sprung Rehwild zur Äsung aus,
gegen die Notlage vereint;
es sind sieben Stück, darunter
vier junge Böcke, alle im Bast.

Eine scheue Mittagssonne scheint,
es weht noch eine kühle Brise.
Nichts will die Rehe erschrecken.
Vorbei an manchem geknickten Ast
ziehen sie weiter geradeaus –

 

Die neue Neudammerin
Zeitschrift für Jagd & Natur, Melsungen, Nr. III/2014, Mai 2015