Der Rotfuchs

Der Rotfuchs ist durch die verschneiten
Buchen aus dem Holz geschlichen,
jetzt steht er da und nimmt was wahr
am Rande der weißblauen Schneise.

Vielleicht gibt’s hier Möglichkeiten,
in den kommenden abendlichen
Stunden noch Mäuse und sogar
auch Hasen zu rauben flink und leise?

 

Das Waid-Blatt (Jagdschutz- und Jägerverein Kaufbeuren),
Heft Nr. 19-1/2017 (März)

 

Ein eisiger Nordwind bewegt

Ein eisiger Nordwind bewegt
die Feldsträucher und die Äste.
Am Fuß der Tannen liegen hie
und da noch die schmutzigen Reste

größerer Verwehungen, wie
im Schwung verewigt, gefroren.
Auf einmal, vom Nichts freigegeben,
taucht ein Rotfuchs auf, durchquert

die graubraune Schneise, bevor
er von der gewohnten Dunkelheit
geschluckt wird. Die Schatten schweben
und spielen wie neugeboren

mit dem Augenblick, der hegt,
was die Stimmung erneut begehrt.
Die Bäume singen, morgen schneit
es wieder auf das trockene Moor –

 

Neudammerin
Die Jagd
Jahrbuch für Jagdkultur und Geschichte im ländlichen Raum
Nummer 01/2016 (Januar 2017)

Dem Augenblick auf der Spur

Dem Augenblick auf der Spur
Besuch bei Heinz Kathöfer

Mit meinem Freund, dem Dichter und Maler Hans Milles und seiner Frau, waren wir Anfang Juli 2015 bei Herrn und Frau Kathöfer zu Besuch. Die Stunden bei Kathöfers waren ganz besonders herzlich. Nachdem seine Frau uns mit gegrillten Wildschweinsteaks verwöhnt hatte, erzählte der Künstler vieles über die Wildtiermalerei im Allgemeinen und über seinen eigenen Malstil.

Am Eingang zu seinem Atelier, im ersten Stock eines alten Forsthauses am Waldrand in Sankt Andreasberg/Harz, steht eine große Staffelei, auf der ein noch unvollendetes Luchsbild zu erkennen ist. Der Kopf des Kuders ist fast fertig, der Körper nur angedeutet, aber das Tier ist schon lebendig und scheint, im Begriff zu sein, sich auf eine unsichtbare Beute zu stürzen. „Jeden Tag nehme ich ein Stück Kreide und füge hier ein paar Striche hinzu, oder verwische dort einiges mit dem Daumen.“

Heinz Kathöfer ist einer der seltenen Tier- und Jagdmaler, deren Thema das Tier in Bewegung ist. Mit wenigen Strichen gelingt es ihm, den Eindruck zu erwecken, dass das dargestellte Tier wirklich in Wald und Wiese unterwegs ist. Weit entfernt vom Naturalismus und vom plakativen Realismus hat sein Werk etwas Impressionistisches an sich, was seine Vorgehensweise unterstreicht, Augenblicke des Naturlebens festzuhalten.

Obwohl selber kein Jäger, sammelt er Eindrücke im Umgang mit Weidmännern, auf dem Hochsitz oder auf dem einsamen Pirschgang, die er dann zu Hause im Atelier zu Kunstwerken werden lässt. Sein Atelier ist voll von Zeichnungen, im Wohnzimmer und im Treppenhaus hängen überall Bilder, die er mit einem kritischen Blick kommentiert, „Dieser Luchs ist 20 Jahre alt, heute würde ich ihn aber anders machen“, oder über deren Entstehung er lustige Anekdoten weiß, „Das habe ich gemalt, als ich mal auf meine Frau draußen warten musste“.

Seine Motive findet er meistens in der Natur, am liebsten malt er in Öl und Pastell wilde Tiere in ihrer natürlichen Umgebung, oder er zeichnet mit der Sepia-Kreide, wie Tiere sich irgendwohin begeben, wobei er oft ganz auf den landschaftlichen Hintergrund verzichtet: trollendes Muffelwild, kletternde Gams im Gebirge, spielende Eichhörnchen, aufsteigende Enten.

Nach einer Lehre als Bautechniker studierte Heinz Kathöfer Grafik und Malerei an der Werkkunstschule Bielefeld, arbeitete einige Jahre als Grafiker und widmete sich ab 1983 ganz der Malerei. Kathöfer ist nicht nur ein begabter Jagdmaler, er kann auch naturgetreue Bilder von Hunden und Pferden zusammenstellen sowie wirkungsvolle Porträts von Menschen.

Der 13. Juli wird uns noch lange in Erinnerung bleiben, denn es war uns eine besondere Ehre, den außergewöhnlichen Künstler Kathöfer kennen zu lernen.

Am 4. August ist Heinz Kathöfer 81 Jahre alt geworden.

 

Impressionistische Züge

Für Heinz Kathöfer

Mit wenigen Strichen wird
ein Wesen nur angedeutet,
die Freiheit der Sinne läutet,
der Eindruck ist nicht verwirrt,

denn Farbenkleckse bedeuten
Bewegung im neuen Schnee,
Geschwindigkeit als Idee,
Gefühle, die uns erfreuten.

Lebendig wirkt jedes Tier,
besonders in den Sekunden
der Flucht. Auf der Leinwand hier
wird’s dann für immer empfunden:

der Augenblick für die Dauer,
das Glücksspiel des Augenblicks.
Das Auge, wie ein genauer
Geselle, sieht ohne Tricks –

 

Neudammerin
Die Jagd
Jahrbuch für Jagdkultur und Geschichte im ländlichen Raum
Nummer 01/2016 (Januar 2017)

Wintergrau

Ein Nebelmeer
überm Weiher
mal schwach, mal dicht,
auf Dauer
ohne Schwips
bei engem Licht
von nirgends her –

Ein Reiher
auf der Lauer,
wie aus Gips –

 

Der Wildhüter
Mitteilungsblatt für Naturschützer, Berufsjäger, Jagdaufseher, Jäger und Falkner
Jahrgang 2016, Nr.4 (Dezember)

 

2. Februar 2016

Von weitem verlassene Pfähle,
die gleichgültig auf den Einsatz warten.
Näher gesehn, wenn ich recht zähle,
neun Reiher im Kreis, zum Zeitvertreib
auf einem blassen Winterfeld.

Im nachhinein sah’s unterm Himmelszelt
so aus, als wär es eine Konferenz,
wo alle mit denselben Karten
und ohne wirklich durchzudrehen
sich um eine Lösung bemühten.

Was wohl das Thema der Sitzung war?
Soll nämlich das Männchen oder das Weib-
chen künftig die Eier erbrüten?
Da beide es tun, war’s keinem mehr klar
und jeder blieb unbeweglich stehen
wie eine graue Eminenz –

 

Aus grünem Füllhorn
Lyrik und Prosa zu Jagd und Natur (Anthologie)
Dichterkreis Jagdlyrik im BJV
Jubiläums-Ausgabe 2017 (Dezember 2016)

 

Räude

Gestern sah ich auf der Fahrt
nach Hause zu später Zeit
einen Fuchs, der’s hinter
einer Scheune unheimlich schwer
hatte, ich war wirklich ganz
erstaunt und ziemlich verwirrt:

Er hatte keine Lunte mehr,
nur einen Rattenschwanz,
er humpelte vor sich hin
und sah wie ein Knäuel rauer
Wolle aus oder wie ein Mann
mit einem Dreitagebart.

Auf einmal war er kein schlauer
Fuchs mehr und kein Hühnertyrann,
nur ein Häufchen Elend schlechthin,
es tat mir weh, er tat mir Leid.
Ob er diesen Winter
noch überleben wird?

Aus grünem Füllhorn
Lyrik und Prosa zu Jagd und Natur (Anthologie)
Dichterkreis Jagdlyrik im BJV
Jubiläums-Ausgabe 2017 (Dezember 2016)

Von der Kanzel aus

Die Ricke kam gerade auf uns zu
nach Äsung suchend langsam und vertraut,
sie sicherte auch in der Abendruh,
nahm eine Blüte hier und dort ein Kraut.

Sie äugte dann und wann in unsre Rich-
tung, einmal längere Sekunden,
dann zog sie, was für uns bedauerlich
war, ins Gebüsch und war verschwunden.

Nach einer Viertelstunde kam sie aus
dem Wald heraus und äugte immer nur
zu uns herüber, wie zu einem Haus,
von dem Bedrohung kam für die Natur.

Doch plötzlich fing sie an zu schrecken
und flüchtete, sie bellte wie ein Hund
ein paar Mal in den dichten Hecken,
dann immer weiter, fern im Hintergrund.

Wahrscheinlich hatten wir uns falsch bewegt,
vielleicht hat’s ebenfalls im Baum geknackt,
auf jeden Fall, wie man zu sagen pflegt,
war sie vergrämt, uns hatte auch an Takt

gefehlt, obwohl es für die Ricken
noch Schonzeit war. So war ihr Schmälen
doch nicht bereit, schnell zu ersticken.
Ein Grund, es Ihnen zu erzählen –

 

Aus grünem Füllhorn
Lyrik und Prosa zu Jagd und Natur (Anthologie)
Dichterkreis Jagdlyrik im BJV
Jubiläums-Ausgabe 2017 (Dezember 2016)

Schnappschuss

Urige Mähne, dunkle Decke,
großer Schneefleck auf der Flanke,
als Waffe auf dem Haupt
auf beiden Seiten eine Schnecke:

Ein starker Muffelwidder steht
vor einem kleinen finsteren Tann
auf seinem Äsungsplatz allein
(das Rudel wird woanders sein).

Er weidet Gras ab und sichert dann
und wann für einige Sekunden,
bevor er langsam zu Holze zieht,
wie ein letzter Tagesgedanke,
der vor der kommenden Nachtruh flieht.

Nun ist der Sonnenschein verstaubt,
ein frischer Luftzug weht
in den neuen Abendstunden –

 

Aus grünem Füllhorn
Lyrik und Prosa zu Jagd und Natur (Anthologie)
Dichterkreis Jagdlyrik im BJV
Jubiläums-Ausgabe 2017 (Dezember 2016)